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Die Diktatur der Gleichzeitigkeit
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Willkommen an die 21 neuen Smart Chiefs, die diesen Newsletter neuerdings lesen. Viel Spaß!
Hello Smart Chiefs,
meine Großmutter pflegte ein Lebensmotto, dessen Schlichtheit fast schmerzt: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich laufe, dann laufe ich.“ Ein Satz wie eine Zen-Parabel, ausgesprochen lange bevor „Achtsamkeit“ zum Geschäftsmodell wurde.
Mit 34 Jahren muss ich mir eingestehen: Von der Umsetzung dieses Satzes bin ich meistens so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Mein Alltag ist eine Übung in totaler Gleichzeitigkeit: zwanzig offene Tabs während des Mittagessens, Telefonate via Bluetooth, während ich im Kopf bereits das nächste Geschäftsmodell skaliere. Ich bin Meisterin darin, Präsenz in der Ära der permanenten Zerstreuung zu simulieren.

Foto: Wouter Oudemans/ Power of Silence
Warum ich das ausgerechnet in einem Text über Künstliche Intelligenz schreibe? Weil die KI ein ohnehin schwelendes Problem unserer Gegenwart nicht nur verschärft, sondern exponentiell beschleunigt. Der Umgang mit ihr raubt uns das, was eigentlich die Bedingung für jeden echten Erfolg wäre: den Fokus.
Heute im Smart Chiefs Newsletter:
Warum das Buzzword “Achtsamkeit” im KI-Zeitalter eine neue Bedeutung bekommt und Argumente, die euch überzeugen, endlich in Stille zu sitzen.
Die Top Links der Woche
Und wie immer eine kurze Umfrage, wie euch der Newsletter heute gefallen wird. Merci.
Je tiefer ich in die Arbeit mit Systemen wie LLMs wie Gemini eintauche, desto öfter ertappe ich mich bei der Abkürzung.
Ich delegiere das Denken. Probleme wälze ich lieber mit einem Sprachmodell, anstatt sie im Wald spazieren zu tragen. Doch der Wald ist gnädig, er stellt keine Gegenfragen. Die KI hingegen wirft ständig neue auf. Eine Stunde des Promptens fühlt sich oft an, als würden in meinem Kopf hunderte kleine Alarmanlagen gleichzeitig blinken – zusätzlich zu den tausend, die ohnehin schon schrillen. Plötzlich scheint alles gleich wichtig, und damit alles gleich egal.
In Österreich habe ich zum ersten Mal seit langem wieder gespürt, welche drei dieser Alarme tatsächlich Beachtung brauchen. Ich nahm am „Power of Silence Retreat“ von Boris Bolz teil. Er ist eine jener raren Ausnahmeerscheinungen: Einst CEO von Weltmarken wie Red Bull und RTL, heute geprägt von fünfzehn Jahren Zen-Praxis. An seiner Seite: Pieter Bulsink, der Profisportler wie Max Verstappen trainiert, und der renommierte Chef Robert Oosterhuis, der auf Michelin-Sterne-Niveau kocht. Gemeinsam versammelten sie eine Gruppe, wie sie heterogener nicht sein könnte – und die im Kern doch dasselbe suchte: sich selbst.
In Stille sitzen kann trotzdem laut sein
Wir waren das Spiegelbild moderner Belastung. Da war der CEO, der sein Team in wenigen Monaten auf 500 Mitarbeiter hochgepeitscht hatte, neben der Mutter von fünf Kindern mit einem ebenso gewaltigen Mental Load. Zu Beginn trugen alle noch ihre Rollen wie Schutzpanzer. Doch diese Masken des Alltags bröckelten mit jeder Stunde mehr.
Boris war auch bei meinem letzten Smart Chiefs Retreat auf Mallorca dabei (und Spoiler: kommt auch im Sommer mit zum Smart Chiefs Retreat im Stanglwirt!). Auch damals haben wir als Gruppe meditiert bei Sonnenaufgang. Doch sitzen und schweigen, ist nicht Sitzen in Stille. Als ich mich am ersten Abend des Retreats für dreißig Minuten auf den Boden setzte, hörte ich zwar den Atem der anderen, aber die Gedanken in meinem Kopf waren lauter als jedes Geräusch im Raum.

Foto: Wouter Oudemans/ Power of Silence
Die 3 Säulen, die mein Mantra wurden
Das Wort „Zen“ ist heute oft nur noch eine leere Worthülse. Durch Boris Bolz verstand ich seine eigentliche Schärfe: Zen ist im Kern eine radikale Form der Konzentration. Es ist kein angestrengtes Starren, sondern die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf den Moment, auf das Innere, verankert im Atem.
Je mehr ich über KI nachdenke, desto dringlicher erscheint mir diese Lehre. Für alle.
Obwohl die KI uns Zeit ersparen sollte, führt sie oft zur mentalen Überlastung, weil wir sie nutzen, um noch mehr in unsere Tage zu pressen. Das macht die Technik nicht böse, aber es zwingt uns zur Entscheidung: Wann nutzen wir sie als Werkzeug, und wann müssen wir selbst denken, damit der eigene Verstand nicht einschläft?
Im Zen gibt es im Grunde drei Säulen: Tu nichts Schlechtes. Tu alles dir Mögliche Gute. Kläre deinen Geist. Letzteres ist wohl die schwerste Arbeit unserer Epoche. Mein auf Effizienz gedrilltes Gehirn versuchte anfangs, jede Minute der Stille in einen internen Problem-Workshop zu verwandeln. Ich musste erst begreifen: Stille produziert keine Lösungen. Sie schafft lediglich den Raum, in dem diese entstehen können. (Perfekt. Yes!)
Ich dachte an diesen Tagen oft an Pavel Durov, den Gründer von Telegram.
Er warnt im Gespräch mit Lex Friedmann davor, unser Denken algorithmischen Feeds zu überlassen. Wenn wir zulassen, dass Statistiken diktieren, was wir fühlen, würden wir zu Sklaven eines Durchschnitts. Wir sprechen in der Branche oft von „AI Alignment“ – dem Versuch, die KI an menschlichen Werten auszurichten. Die größere Gefahr ist jedoch das umgekehrte Alignment: Dass wir uns den Mustern der KI anpassen. Wer morgens als Erstes auf das Smartphone schaut, macht sich laut Durov zu einer Kreatur, der vorgeschrieben wird, worüber sie nachzudenken hat.
Durov selbst nutzt kaum ein Handy – und das obwohl er selbst eine der populärsten Apps unserer Zeit entwickelt hat. Seine brillantesten Ideen kommen ihm in der Abgeschiedenheit. Er sagt: Es ist das Paradox unserer Zeit: Je vernetzter wir sind, desto unproduktiver wird unser Geist. Um mit KI etwas wirklich Relevantes aufzubauen, müssen wir uns vom Grundrauschen abkoppeln. Genau das habe ich in diesen Tagen auch gemerkt.
Wenn ich in meinem Leben einen echten Durchbruch erlebe, kribbelt mein Körper. In diesen Tagen in den österreichischen Bergen war dieses Gefühl wieder da. Es sind keine fundamental neuen Erkenntnisse, aber im Kontext einer automatisierten Welt wirken sie radikal:
Die Praxis: Meditation ist kein „Nice to have“, sondern die Verteidigungslinie gegen die digitale Flut.
Das befreite Schreiben: Fünfzehn Minuten ohne Pause schreiben, ohne Korrektur, ohne Zögern. Ein Ventil für alles, was unter der Oberfläche brodelt.
Analoges Denken: Probleme nicht am Laptop lösen, sondern zwei Stunden mit Zettel und Stift. Es ist anstrengend, aber effektiver als jedes digitale Tool.
Menschliche Spiegelung: Echte Reflexion braucht das Gegenüber. Die Durchbrüche auf dem Retreat kamen durch das Echo der anderen Teilnehmer.
Mut zur Unbequemlichkeit: Sich den Fragen stellen, vor denen man weglaufen möchte, erfordert eine Verbindung zum eigenen Körper.
Sogar das Essen wurde zur Lektion. Ein Fünf-Gänge-Menü lehrte mich, dass Achtsamkeit wichtiger ist als das bloße Sattwerden. Wir als Gesellschaft sind satt, wir haben von allem genug. Doch wir sehen oft nicht mehr, was wirklich auf unserem Teller – oder vor unserem geistigen Auge – liegt.
Was ich mitnehme: Klarheit ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Es ist eine tägliche, fast demütige Praxis, auf der mich Boris auf diesem Weg als Mentor ein Jahr begleiten wird. Ich kann es kaum abwarten!
Work smart, not hard.
Euer Laura
Work smart, not hard.
Deine Laura
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